Wenn sich das Nest leert

Wenn sich das Nest leert
Als das Nest noch voll war: Die Familie der Autorin (Catarina Hofmann) in Rom.

Es gibt sie, die sogenannte Empty-nest-phase. So nennen die Experten die Zeit, wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Es kann schnell gehen, es kann Jahre dauern, je nach Kinderzahl. Man spürt es an Kleinigkeiten. Beispiel: Neulich ging ich zum ersten Mal mit einem Einkaufskorb im Armwinkel in den Supermarkt. Jahrelang nutzte ich stets einen Einkaufswagen, und zwar von den größten, die da standen, die waren auch immer verfügbar. Es gab Zeiten, da waren fast alle Kinder dabei. Das bedeutete mit vier sehr kleinen Kindern auf dem Rückweg vom Kindergarten einzukaufen, eins in der Bauchtrage. Vorher musste ich im Auto die Verhaltensregeln besprechen. Wer jammert oder bettelt, wartet im Auto. Das war als zögen wir in eine mittlere Schlacht.

Nun mit einem Körbchen im Armwinkel schaue ich jetzt sogar, wer noch so einkauft und sehe nur sehr alte Damen, die wohl nur für sich einkaufen. Da fühle ich mich noch nicht zugehörig. Sicher, es gibt noch andere, jüngere Damen, aber ich sehe nur die älteren. Die jüngeren sind zu schnell. Und sicher, unsere Mengen werden auch kleiner. Statt acht Essern sitzen jetzt nur noch drei oder vier am Tisch. Aber noch immer koche ich in Kompaniestärke. Mindestens ein Kilo Nudeln, oft auch zwei, sonst muss man nachkochen. An dem Kilo essen wir nun eine halbe Woche. Und überhaupt, woher kommen all die vielen Teller im Schrank? Wieder Essteller für Kompanien. Oft hatten die Kinder Gäste. Für zehn Personen reichte jede Mahlzeit. Zwanzig, dreißig Teller pro Tag. Wie geht das, fragen meine Einkindfreundinnen? Das wächst nicht über Nacht, der Schrank füllt sich allmählich, mit den Jahren.

Ein Schubfach voller Lätzchen

Was machen wir jetzt damit? Aufbewahren, falls sie mit Partnern und Kindern kommen? Ich betrachte unsere Küche, als wäre ich zu Besuch in einem fremden Haus. Zu viele Teller, Gläser, Tassen, Besteck. Ich entdecke ein Schubfach bis oben gefüllt mit Lätzchen. Wann haben wir zuletzt Lätzchen benutzt, vor drei Jahren, zwei Jahren? Verrückt. Räume ich das jetzt aus, dann kommen die Enkel. Immer wenn wir Kindersachen auf dem Flohmarkt verkauft haben, kam das nächste Kind. So wurden es fünf. Und irgendetwas fehlte immer. Nach zehn Jahren kam Nummer sechs dazu, ein Nesthäkchen, ein eigenwilliges kluges Mädchen mit älteren Eltern und sehr großen Geschwistern. Es beschützt uns etwas vor der großen Leere, die nun einzieht. Die Zeit war kurz, in der nicht mehr am Abend vorgelesen wurde, die Zähne nachgeputzt, diese ganzen Rituale in einer vorbestimmten Zeit, in der alle schon müde und genervt sind. Nun scheint es, als gehe das immer so weiter.

Freunde sitzen jetzt allein in ihren Wohnungen und Häusern. Die Kinder sind ausgezogen. Sie können sich um ihre Hobbys kümmern, Wellness betreiben oder mit dem Alter und seinen anfänglichen Zipperlein hadern. Ich frage mich, was macht ihr nur mit der ganzen vielen Zeit? Ich sehe im Netz Bilder von teuren Reisen und plötzlich sind sie Weinkenner, posten edles Essen, die Prioritäten verschieben sich. Stattdessen gehe ich zum Schulbasar, am Wochenende zu den Bremer Stadtmusikanten und frage zwischendurch immer wieder das Einmaleins mit der Zwei ab, als ginge das immer so weiter. Aber das geht es nicht.

Mehr als 20 Jahre eingebunden

Das Nest leert sich. Mehr als 20 Jahre waren wir eingebunden in eine große Mühle. Es begann mit wunderbaren Schwangerschaften, Geburten und gesunden Kindern. Der Angst vor dem plötzlichen Kindstod folgt ziemlich schnell die Angst, wenn sie allein am Steuer sitzen. Eben lagen sie noch hilflos auf dem Wickeltisch, nun überlegen sie, wo sie ihr Auslandsjahr verbringen. Kaum sind sie die Windeln los, gibt es den ersten großen Herzschmerz, die erste Liebe. In der Rückschau scheint die Zeit dahingeflogen. Vieles verklärt sich, die langen Sommer, die Campingurlaube mit so vielen kleinen Kindern. Wie ging das nur? Schlaflose Nächte, Krupphusten, Fieberkrämpfe, gebrochene Knochen, Läuse… das ganze Programm hielt uns viele Jahre in ständiger Bewegung. Die Auseinandersetzung mit Erziehungsratgebern, auf der Suche nach Ratschlägen, wie man mit Zwillingen lebt, wie man als Großfamilie durchkommt, die Eingewöhnungen in Kindergärten und Schulen und die Auseinandersetzung mit allen pädagogischen Programmen von Waldorf bis Montessori, alle drei Jahre Umzüge in größere Wohnungen, dann Häuser. Man war permanent eingebunden, und wenn endlich alle schliefen wurde das Chaos vom Tag beseitigt.

Jetzt können wir wieder den Brotbackautomaten vom Schrank holen. Nie hat das kleine Brot für eine Mahlzeit gereicht. Drei große Brote trug ich zu Spitzenzeiten pro Tag vom Bäcker nach Hause. Nun genügt das kleine Brot aus dem Automaten sogar noch für den nächsten Tag. Keine fünf Riesendosen mit Schulbroten jeden Tag. Selbst die Spülmaschine nebst Waschmaschine läuft nicht mehr täglich. Es wird eindeutig ruhiger. Das Radio läuft immerzu, damit es nur nicht leise ist…

Jede Mahlzeit eine Schlacht

Nie kam man zu Wort, immer mussten sich einige mehr hervortun als andere. Es war eine Schlacht, so eine Mahlzeit. Es war laut, man war immerzu beschäftigt, mit Zuhören, Nachreichen, Brot schneiden, den Kleineren helfen, mit Schlichten, Sortieren und vor allem damit, den Schaden der umgekippten Gläser zu beseitigen. Sie sind alle früh selbstständig geworden, haben sich gegenseitig erzogen und mussten mithelfen. Das sage ich immer den Einkindmüttern, die jammern und sagen, wie geht das nur. Inzwischen machen uns die Kinder solche Geburtstagsfeste, wie ich sie für alle sechs Mal jedes Jahr gemacht habe. Sogar die Girlanden hängen an den gleichen Stellen.

Man hofft, mit dem Abstand können sie schätzen, was sie in der Großfamilie hatten. Sie sind sich eng verbunden und die neue Technik lässt permanenten Kontakt zu. Kurznachrichten schreiben ist die Nabelschnur zu jedem Kind geworden.

Fließende Übergänge

Das eigene Leben neigt sich dem Ende zu, wenn man länger gelebt hat als man noch leben wird. Man fühlt das nicht, denkt, es geht so weiter, Schwangerschaft, Geburt, Kinder aufziehen, immer weiter…. aber dann ist es plötzlich zu Ende und die Kinder gehen. Sie sollen, sage ich. Sich in der Welt verteilen, damit wir sie dann überall besuchen können. Aber dann tut es doch wieder weh.

Kind eins ist in Italien geblieben, nachdem es dort studiert hat. Kind zwei studiert in Süddeutschland, will bald zum Praktikumssemester zurückkommen. Kind drei wohnt noch immerhin so nah, dass man sich in einer guten halben Stunde besuchen kann. Kind vier ist im Abistress, wohnt noch hier, Kind fünf gerade im Auslandsjahr, wird wieder hier wohnen und noch zwei Jahre zur Schule gehen. Die Kleinste hat gerade mit der Schule begonnen. Sie ist „pfiffig“, sagt ihre Lehrerin an der katholischen Grundschule. „Lasst sie doch einen Jahrgang überspringen!“

So sind wir oft zu dritt. Die Übergänge sind fließend, was es leichter macht. Mal sitzen wir zu dritt, dann wieder zu fünft am Esstisch. Das Auslandsjahr gibt einen Vorgeschmack auf zukünftige Trennungen. Man kann es sich vorstellen, man spürt zum ersten Mal den Schmerz. Die leerstehenden Zimmer wurden immer mit anderen Austauschkindern gefüllt, so dass das nicht auffiel. Auch deren Leben und Persönlichkeiten forderten uns heraus, so dass sich keine Lücke auftat. Jetzt ist zum ersten Mal ein Zimmer wirklich und richtig frei. Es ist unter dem Dach und keiner geht hin. Wir könnten was umräumen, aber wenn nun doch eins der Kinder zurückkommt?

Was wäre wenn?

„Was wäre wenn…?“ – das scheint eine Frage zu sein, die sich im Alter zunehmend häufiger stellt. Was wäre gewesen, wenn wir uns nicht getroffen hätten? Was wäre gewesen, wenn wir damals nicht…. wenn, wenn, wenn. Wenn wir nie hätten Kinder bekommen können? Wären wir dann noch ein Paar? Heute ist es manchmal so, als hätten wir keine Kinder bekommen. Noch sind die Momente kurz, aber es ist wie eine Vorahnung auf das, was kommen wird…

Die Autorin: Catarina Hofmann, Jahrgang 1968, Mutter von sechs Kindern, Kunstpädagogin, Kunsttherapeutin, Journalistin, lebt nach Stationen in Rom und NRW jetzt mit ihrer „Restfamilie“ am Rand von Berlin.

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